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Investitionen in Arztpraxen – Chancen oder Risiken?

TL;DR

Eine Arztpraxis als Geldanlage? Was man früher nicht für denkbar hielt, liegt heutzutage voll im Trend. Hunderte Arztpraxen in Deutschland wurden bereits von privaten Investoren aufgekauft und in Konzernen zusammengeführt – mit dem Ziel hohe Gewinne zu erwirtschaften. Eine Entwicklung, die nicht nur dem Bundesgesundheitsminister Sorge bereitet. Ein geplantes Gesetz zur Regulierung der Investionen lässt trotzdem auf sich warten.

Inhaltsverzeichnis

Arztpraxen stehen vermehrt im Visier von Private Equity-Gesellschaften, die durch den Aufkauf und die Konsolidierung dieser Einrichtungen signifikante Renditen erzielen möchten. Während manche Mediziner die Aussicht auf einen lukrativen Verkauf ihrer Praxis befürworten, sehen andere das Patientenwohl durch die zunehmende Marktkommerzialisierung bedroht. Welche Herausforderungen und Risiken erwachsen aus den aktuellen Wandlungen, und wie reagiert die Politik darauf?

Private Investoren drängen in das deutsche Gesundheitssystem

In den letzten Jahren intensivieren Private-Equity-Gesellschaften und andere Finanzinvestoren ihr Engagement im Bereich der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung. Ein häufiges Szenario dabei ist der Aufkauf kleinerer krisengebeutelter Krankenhäuser, welche anschließend hauptsächlich dazu genutzt werden, rechtliche Voraussetzungen für die Gründung von investorengetragenen Versorgungszentren (iMVZ) und der Expansion großer iMVZ-Netzwerke zu erfüllen. Aber auch Haus- und Facharztpraxen liegen im Beuteschema der so genannten „Heuschrecken“. Die  Hamburger Stiftung Gesundheit hat sich dem Thema angenommen und 94 Praxisinhaber in der ambulanten Versorgung  befragt, wie sie auf ein Übernahmeangebot reagiert haben:

  • Jeder sechste Facharzt in Deutschland hat bereits ein Übernahmeangebot erhalten.
  • Bei den Hausarztpraxen ist es jede achte.
  • Ein Drittel der Ärzte ist interessiert – vorausgesetzt, der Preis stimmt.
  • Bei knapp über jeder zehnten Anfrage kommt es zu einem Vertragsabschluss.
  • Besonders interessant für die Investoren sind Facharztpraxen in Ballungsgebieten.
  • Auch Physiotherapie- und Ergotherapiepraxen, aber auch Apotheken erhalten zunehmend Anfragen von Investoren.

Wie sieht das Geschäftsmodell aus?

Die Geschäftsstrategie basiert auf dem Ansatz von Private-Equity-Firmen, Kapital für Investitionen in einem Fond zu bündeln. Die typische Vorgehensweise dieser Unternehmen liegt darin, Finanzmittel von Anlegern zu akkumulieren und damit kleinere Betriebe aufzukaufen. Anschließend werden diese Einzelunternehmen zu größeren Einheiten konsolidiert. Das Ziel besteht darin, den entstandenen Konzern nach einer gewissen Zeit der Wertsteigerung mit beträchtlichem Profit weiterzuveräußern.  Ein solches Vorgehen wird auch im Kontext medizinischer Einrichtungen angewandt, speziell im Falle von Arztpraxen, welche formell in Medizinische Versorgungszentren (MVZ) transformiert werden müssen, um von den Private-Equity-Firmen erworben werden zu können. Ursprünglich sollten MVZ das Zusammenkommen von Medizinern verschiedener Fachgebiete fördern, doch eine Gesetzesänderung im Jahr 2015 ermöglicht es, MVZ, die ausschließlich in einer Fachrichtung tätig sind, zu betreiben. Diese Anpassung führte zu einer merklichen Zunahme der Übernahmen von Arztpraxen durch Investorengruppen.

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Was sagen aktuelle Studien zu Private-Equity?

Alexander Borsa von der Columbia University in New York und ein Team von Gesundheitssoziologen haben eine umfangreiche Metastudie durchgeführt und deren Ergebnisse im British Medical Journal veröffentlicht. Ihre Forschung liefert überzeugende Belege dafür, dass die Involvierung von Private-Equity-Firmen im Gesundheitssektor sowohl für Patienten als auch für die Kostenträger finanzielle Nachteile mit sich bringt und tendenziell die Qualität der medizinischen Versorgung negativ beeinflusst. Im Rahmen der Studie wurden 55 empirische Arbeiten ausgewählt und analysiert. Die Forscher untersuchten Entwicklungen in Ländern wie Schweden, dem Vereinigten Königreich, der Türkei, den Niederlanden, Kanada, Norwegen und Deutschland, wobei ein Fokus auf den Vereinigten Staaten lag. Die Autoren der Studie betonen die Notwendigkeit einer vorsichtigen Interpretation ihrer Ergebnisse aufgrund dieser geografischen Konzentration. Nichtsdestotrotz ziehen sie die Schlussfolgerung, dass die vorliegenden Daten genug aussagefähig sind, um die Bedeutung von PE-Besitz im Gesundheitswesen zu unterstreichen. Sie argumentieren, dass dies eine größere Aufmerksamkeit, Berichterstattung und möglicherweise strengere Regulierungen erfordert.

Eine Studie von „Finanzwende Recherche“ schlägt in die gleiche Kerbe: Private-Equity-Investoren gefährden die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Dabei sei insbesondere die hohe Verschuldung aufgefallen, welche die Gefahr von Insolvenzen von Arztpraxis-Konzernen birgt.  Laut Studienergebnisse zahlen die erwerbenden Private-Equity-Firmen lediglich einen geringen Anteil des Kaufpreises mit ihrem akquirierten Eigenkapital. Der überwiegende Teil der Kaufsumme wird durch Kredite finanziert. Diese Verbindlichkeiten werden gemeinhin auf die übernommenen Unternehmen, in diesem Fall auf die Arztpraxen, abgewälzt. Gerhard Schick, ehemaliger finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, weist darauf hin, dass eine solche Schuldensituation insbesondere bei steigenden Zinsen schnell zur finanziellen Belastung werden kann. Das Risiko möglicher Insolvenzen ist jedoch nach Aussage von Finanzwende nicht das einzige Problem. Kritisch gesehen wird ebenfalls der Abfluss finanzieller Mittel aus dem Gesundheitswesen in Richtung privater Anleger. Dabei werden die Gewinne häufig nicht in Deutschland, sondern in Ländern mit niedrigen Steuersätzen versteuert.   

Tut Kommerzialisierung dem Gesundheitswesen gut? Ein Blick auf die Beteiligten

Situation der angestellten Ärzte:



Die zunehmende Kommerzialisierung im ambulanten Sektor bedeutet für angestellte Ärzte eine deutliche Verschiebung ihrer beruflichen Prioritäten. Sind sie traditionell dem Wohl ihrer Patienten und der ethischen Ausübung ihrer ärztlichen Tätigkeit verpflichtet, werden sie im Kontext kommerzialisierter Medizinstrukturen zunehmend in eine Rolle gedrängt, in der wirtschaftliche Erwägungen signifikant an Gewicht gewinnen. Diese Entwicklung mündet in einem spürbaren Konflikt zwischen dem ärztlichen Berufsethos und den ökonomischen Anforderungen des Managements. Angestellte Ärzte sehen sich somit mit dem Druck konfrontiert, ihre medizinische Expertise in ein profitables Schema einzubinden, was ihrer intrinsischen Motivation, dem Patienten zu dienen, vielfach entgegensteht.

Situation der Patienten:

Die Entwicklung hin zu einer kommerzialisierten Gesundheitsbranche bietet Patienten zweifelsohne Vorteile wie verkürzte Wartezeiten und ein erweitertes Spektrum an medizinischen Dienstleistungen, einschließlich individueller Gesundheitsleistungen (IGeL). Diese Fortschritte dürfen jedoch nicht über potenzielle Nachteile hinwegtäuschen. Es besteht die Gefahr, dass im Streben nach Profitabilität die medizinische Versorgung weniger personalisiert wird und eine Tendenz zu häufigeren, invasiveren Eingriffen entsteht, die nicht immer medizinisch erforderlich sind. Es ist von größter Wichtigkeit, dass das Wohl der Patienten im Mittelpunkt bleibt und nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen beeinträchtigt wird.

Stimmen aus der Ärzteschaft

Bemühungen um strengere Vorschriften treffen bei großen ärztlichen Versorgungsketten auf Widerstand. Der Bundesverband der Betreiber medizinischer Versorgungszentren (BBMV) betont wiederholt, dass diese Ketten keine Risiken bergen, sondern vielmehr eine wichtige Rolle in der Versorgung der Patientenschaft spielen. Sie argumentieren, dass viele Mediziner der jüngeren Generation eine angestellte Tätigkeit in MVZ einem eigenen Praxisbetrieb vorziehen. Nicht alle Angehörigen der ärztlichen Berufe teilen diese Ansicht. Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer, äußerte kürzlich, dass die Ärzteschaft schon lange vor den negativen Konsequenzen einer zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen warnt. Jetzt ist es an der Zeit, im Interesse der Patienten entschlossen vorzugehen, bekräftigte Reinhardt. Daher sei das von Lauterbach in Aussicht gestellte “Gesetz zur Eindämmung der Kommerzialisierung” dringend erforderlich. Andreas Gassen von der KBV rät stattdessen von einer stark regulativen Gesetzgebung ab, die seiner Meinung nach vor Gericht keinen Bestand hätte. Stattdessen rät er die Rechte und Position von Ärzten zu stärken, die ein MVZ besitzen und führen und irgendwann auch an andere Ärzte weitergeben wollen. Auch Susanne Müller vom Bundesverband Medizinische Versorgungszentren merkt an, dass die ärztlichen Trägerschaft eines MVZ mit viel mehr Barrikaden versehen sei als bei nichtärztlichen Trägern. Wegen der Struktur des Vertragsrechts haben derzeit rund 2500 ärztlich getragenen MVZ keinen natürlichen Nachfolger.

Fazit: Investoreneinstieg im Spannungsfeld zwischen Kapital und Ethik

Die zunehmende Kommerzialisierung des ambulanten Sektors durch den Einstieg privater Investoren verändert die Landschaft der ambulangen Versorgung in Deutschland grundlegend. Mit dem Aufkauf von Arztpraxen und deren Integration in größere Versorgungszentren vermag es sein, dass Effizienz und Profitabilität gesteigert werden. Doch dieser Trend ist nicht ohne Bedenken. Die finanzielle Logik gefährdet das traditionelle Arzt-Patienten-Verhältnis und bedroht die medizinische Unabhängigkeit. Die Politik steht vor der Herausforderung, einen Ausgleich zwischen wirtschaftlichen Interessen und der Wahrung der medizinischen Ethik zu finden. Es geht letztendlich darum, das Gesundheitssystem so zu gestalten, dass sowohl die Ärzteschaft als auch die Patienten davon profitieren – ohne Kompromisse bei der Qualität der Versorgung.

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